Shiny Happy People

Shiny Happy People

2. Juni 2019 1 Von C2

Gerade mal 36 Stunden befinden wir uns auf Vancouver Island, und schon sind wir gleich mehrfach in Berührung gekommen mit der legendären Freundlichkeit der Kanadier*innen. Die ist jedem Reiseführer ein paar Zeilen wert – zu recht. Nicht nur rufen wildfremde Radfahrer*innen einem ein „good morning“ zu oder schenken einem Passanten ein strahlendes Lächeln. Nein, da geht noch mehr.

Vorhang auf für eine Geschichte rund um zwei jetlag-geplagte Neuankömmlinge, eine davon leicht verwirrt, und zwei liebenswürdige Kanadierinnen.

Unser Ziel gestern nach Ankunft auf der Insel war zuerst das Canada Service Center, bei dem man seine Social Insurance Number bekommt – ganz wichtig hier. Voraussetzung: eine Adresse. C1 hatte die unseres Airbnbs gespeichert und zeigte sie der netten Frau.

Ich hatte derweil schon morgens im Hotel in Vancouver nach einer Busverbindung vom Service Center zum Airbnb gesucht. Wir stiegen in den Bus, fuhren los und mussten nur noch ein paar Straßen zu Fuß gehen – wohlgemerkt beladen mit 2 schweren Trekking-Rucksäcken sowie einem kleinen Rucksack und einem Rollkoffer voller Papiere.

Charlotte or not Charlotte

Irgendwann merkte ich an, dass dies die Straße sei, worauf C1 meinte, der Name komme ihr aber ganz unbekannt vor. Ich sagte „Papperlapapp“, dachte mir, C1 habe nur nicht richtig zugehört, und weiter ging´s. Dann standen wir vor dem richtigen Haus mit der richtigen Nummer, eine Frau stand in der Einfahrt. C1 sagte: „Are you Charlotte?“ und die Frau kam herunter und lächelte freundlich. Wir streckten ihr die Hand entgegen und sagten unsere Namen. Die Frau schüttelte unsere Hände, sagte „Hi“, guckte etwas irritiert, lächelte aber weiter. Ein merkwürdiges Gespräch entspann sich:

Wir: Are you Charlotte?

Frau, freundlich: No, I am not Charlotte.

Wir: You are not Charlotte?

Frau, freundlich: No, I am not Charlotte.

Wir: Do you know a Charlotte?

Frau, freundlich: No, I am afraid not.

Wir: But that´s View Royal Ave No 123?

Frau, freundlich: Yes, it is.

Wir: ???

Frau, freundlich: ???

Wir erklärten, dass wir unser Airbnb suchen, und die Frau sagte, das sei aber merkwürdig, sie habe mal eins gehabt, hätte aber allen Gästen absagen müssen, weil ihr Mann schwer krank geworden sei. Oh nein, ob da wohl bei Airbnb etwas schief gegangen sei?

Uns dämmerte langsam, was passiert war: In der Tat hatten wir letztes Jahr schon ein Airbnb gebucht, das dann aus damals unerfindlichen Gründen vom Gastgeber gecancelt wurde. Wir mussten uns ein anderes suchen. Nur leider hatte ich vergessen, Airbnb Nummer 1 aus Google Maps zu löschen und Airbnb 2 überhaupt einzutragen.

The least I can do

Oha. Bevor wir allerdings überlegen konnten, wie wir jetzt wieder von A nach B kommen, sagte Nicht-Charlotte alias Lynne: „Of course I will give you a ride, come on!“ Wir: „Oh no, that´s not necessary.“ Lynne: „Of course it is! That´s the least I can do for cancelling your reservation.“

In Nullkommanichts saßen wir in ihrem Auto und sie fuhr uns zu Airbnb 2.

Lynne bot uns außerdem an, in ihrer ja nun leeren Airbnb-Wohnung zu wohnen, falls wir bis Ende Juni keine Wohnung finden.

Die echte Charlotte ist übrigens ebenso liebenswürdig. Nicht nur empfing sie uns mit einem Obstteller und einem Kühlschrank voller Lebensmittel, selbstgemachter Marmelade und zwei Flaschen Wein. Nein, sie empfahl uns auch noch zwei Maklerinnen und wollte für uns einkaufen.

Bescheiden sind sie übrigens auch, die Hosts. Am Telefon erzählte die falsche Charlotte alias Lynne einem Anrufer, sei sei „on a mission to help two lovely young German girls“.

Lovely – das sind wohl vor allem die Kanadier*innen, die wir bis jetzt getroffen haben. Auf dass es noch viele mehr werden.