Here Is The House

Here Is The House

3. August 2019 5 Von C2

Es war ein Krimi.

Wir sind in die Verlängerung gegangen und ganz, ganz kurz vor dem Abpfiff haben wir einen Volltreffer gelandet.

Genau so kann man das beschreiben, was wir in den letzten Wochen erlebten. Das Ende der Geschichte: Wir haben ein schönes Haus gefunden und gekauft. Aber der Weg dahin, der gleicht wahrhaftig einem Thriller. Doch von vorn.

Als wir unbedingt nach Sooke wollten

Noch bevor wir auf die Insel kamen, wollten wir nach Sooke ziehen – ohne je dort gewesen zu sein. Sooke ist eine kleine Stadt im Süden mit ca. 14.000 Einwohner*innen. Zufällig waren wir noch in München mit einem netten, ausgewanderten Briten in Kontakt gekommen. Chris arbeitete für einen Makler.

Wir hatten einige davon angeschrieben, um die Lage auf Vancouver Island zu sondieren. Daraus entwickelte sich eine E-Mail-Freundschaft, und Chris erzählte einiges von dem Ort, an dem er lebt. Er und seine Frau hatten ganz Kanada bereist. Der Ort, der ihnen von allen am allerbesten gefallen hatte, war …. Sooke. Viele Künstler*innen würden dort leben, es gebe eine tolle Community. Er schickte auch Bilder mit dem Blick von seinem Balkon aufs Meer, und wir waren begeistert. Scheinbar ein unglaublich schöner Ort.

Ein paar Wochen später waren wir selbst auf der Insel. Der erste Ausflug an Tag 2 führte uns – natürlich – nach Sooke, 30 Kilometer entfernt von Victoria. Wir sahen uns dort ein Haus an, das uns beiden sehr gut gefiel. Sooke dafür allerdings überhaupt nicht.

In unseren Köpfen spukten nach Chris`Beschreibungen Bilder von kreativen Menschen vor bunten Holzhäuschen herum, die dort Kunst machten, in einer malerischen Stadt mit süße kleinen Cafés und Straßen, durch die man bummeln kann. So sah aber Sooke ganz und gar nicht aus. Was wir entdeckten, war ein unspektakulärer Stadtkern: zwei Supermärkte, ein paar kleine Läden, das war es.

Sooke.

Also wollten wir auf keinen Fall mehr nach Sooke.

Trotzdem bekamen wir per E-Mail weiterhin Hausangebote aus dem Ort – und fuhren sechs Wochen ein zweites Mal dorthin – diesmal, um Sooke von der Mailingliste unserer Maklerin Shannon streichen zu können. Aber einmal schauen wollten wir doch noch, zur Sicherheit.

„Bear country“ und Wildnis

Diesmal landeten in einer ganz anderen Ecke des Städtchens – direkt am Meer. Und wie unfassbar schön es dort war! Ein freier Blick aufs Wasser, ohne Häuser in Sichtweite. Ein Seehund schwamm im Wasser, und Wale kommen dort auch des öfteren vorbei. Nun wurde uns klar, was Chris meinte: Das Großartige an Sooke ist nicht das Städtchen an sich, es ist die grandiose Landschaft drumherum, mit echter Wildnis. Auf der einen Seite liegt das Meer, auf den anderen drei Seiten ist es von Wald umgeben. Und in dem leben Bären und Pumas. Weshalb Sooke auch den Beinamen „Bear Country“ trägt. An dem Tag entdeckten wir tatsächlich noch zwei nette, alternative Cafés.

Wenige Tage später besichtigten wir also ein Haus in Sooke, zu Fuß zwei Minuten vom Meer entfernt. Ein riesiges Haus, mit großem Garten und umwerfendem Wohnzimmer. Wir fühlten uns zu Hause, und wir gaben ein „offer“ ab. Wird es akzeptiert, hat man eine Woche bis zehn Tage Zeit, mehrere „conditions“ zu klären. Dazu gehört zum Beispiel eine Hausinspektion, bei der ein Experte feststellt, in welchem Zustand das Gebäude ist, und man muss die Finanzierung klarmachen.

Sooke ist „bear country“

Was anders ist als Deutschland (eins von vielen Dingen): Wer hier einen Kredit für einen Hauskauf braucht, geht zu einer*m mortgage broker*in. Die verhandeln mit Banken und versuchen, das beste Angebot zu finden. Dafür bekommen sie eine Provision vom Geldgeber. Unsere mortgage brokerin Liz trat in Aktion. Die Hausinspektion ergab allerdings, dass wir zeitnah viel hätten renovieren müssen. Außerdem stellte Liz fest, dass wir keine einfachen Klientinnen sind: Nur eine einzige Bank, die TD Bank, würde uns einen Kredit geben, wenn überhaupt. Der Grund: Wir sind speziell. 1. haben wir noch keine Steuern in Kanada gezahlt, 2. sind wir beide selbständig. Die Kombination aus beidem ist, gelinde gesagt, kompliziert. Das heißt eigentlich: Bis wir zwei Jahre Steuern gezahlt haben, bekommen wir keinen Kredit. Aber Liz war zuversichtlich. Und tatsächlich: Die Bank sagte „Ja“.

Tsunamigefahr und zurück zu Schritt 1

Wir überlegten neu. Eigentlich war das Haus sowieso viel zu groß für uns. Viel zu teuer auch. Und so direkt am Meer ist auf einer Insel, die sich direkt an zwei Interkontinentalplatten befindet, auch keine so gute Idee. Die Wahrscheinlichkeit, dass in den nächsten 50 Jahren „the big one“ passiert, ein gewaltiges Erdbeben an den Platten, liegt zwischen 10 und 30 Prozent. Und dann wird es mit 100%iger Sicherheit einen Tsunami geben. Sooke liegt am offenen Meer, die Welle würde den Ort nach 45 Minuten treffen. Das Haus am Meer würde dann vom Pazifik verschluckt – mit oder ohne uns darin. Wenn wir überlebten, wären wir pleite. Denn die Versicherungen hier versichern zwar gegen Erdbeben, aber nicht gegen Tsunamis, wie wir dann erfahren haben.

Ja. Das ist unser Haus.

Wir nahmen also unser offer zurück. Und hatten plötzlich wieder das allererste Haus im Kopf, das wir ins Sooke besichtigt hatten, an Tag 2 auf der Insel. Es war kleiner, billiger, es lag auf einem Berg – und trotzdem nur zehn Minuten mit dem Fahrrad vom Meer entfernt. Es blickt auf einer Seite ins Grüne. Und es ist sehr ruhig dort. Wir besichtigten es nochmal. Und waren nach insgesamt 26 Häusern, die wir angesehen hatten, sicher: This is the one.

Also gaben wir erneut ein offer ab, diesmal lief es über 2 Wochen. Liz wurde aktiv. Sie warnte uns vor: Sie könne nicht garantieren, dass die Bank nochmal zustimmt, denn das hänge immer von denjenigen ab, die den Antrag bearbeiten. Sie war aber weiter optimistisch: Wir hatten das Geld für das down payment, also die Anzahlung, wir hatten genug Geld, um den Kredit abzahlen zu können.

Die Spannung baut sich auf …

Aber dann ging es los. Es kamen Nachfragen von der Bank. Sie hatten schon unsere deutschen Steuererklärungen der letzten Jahre, professionell übersetzt und beglaubigt, genau wie unsere Schufa-Zertifikate. Letztere konnten nur an eine deutsche Adresse geschickt werden – wie gut, dass wir unseren privaten Post- und Scandienst in Bad Soden-Salmünster haben (danke, Sonja 🙂 Nun brauchten sie aber zusätzlich nicht nur ein bank statement unserer kanadischen Bank, sondern auch eines über die letzten 90 Tage von unserer deutschen Bank. Einerseits wollten sie sichergehen, dass wir das down payment zahlen können – und andererseits ausschließen, dass wir Geldwäsche betreiben.

Als wir das abgeliefert hatten, benötigten sie plötzlich eine Übersicht, um welche Transaktionen es sich jeweils handelte. Möglichst schnell. Wir beschrifteten 7 Din-A-4-Seiten des Bankauszugs mit Erklärungen – Ebay-selling, donation, purchase of groceries and so on. Dann wollten sie das doch noch professionell übersetzt haben, und zwar so schnell wie möglich.

Irgendjemandem bei der Bank fiel ein, dass das Schufa-Zerifikat Begleitseiten hatte, die sollten wir übersetzen, und zwar so bald wie nur irgend möglich. Google Übersetzer sei Dank, hatten wir die zusammen 15 Seiten zu zweit in 90 Minuten übertragen. Ach, eine professionelle Übersetzung wäre doch besser, fanden sie nun. Plus eine des 90-Tage-Bankauszugs aus Deutschland. Plus aller Tagesgeld- und Festgeldkonten, von denen aus wir in diesen drei Monaten Geld auf das Hauptkonto überwiesen hatten. Unsere Übersetzerin in Deutschland arbeitete für uns das Wochenende durch, quasi rund um die Uhr. Zum Glück fand sie das alles so spannend wie wir und Liz, und hat alles gegeben. Frau Gerlach rocks!

Pünktlich am Montagmorgen lag der Bank also alles vor. Das war auch gut so, denn bis Mittwoch mussten wir alles beisammen haben, sonst hätten wir die conditions nicht erfüllt, das das offer wäre verfallen und die Verkäufer würden das Haus jemand anderem geben.

… und steigert sich …

Dienstag: Aber es war immer noch nicht genug, am Dienstag kamen die Nachfragen. Woher kommt dieses Geld, woher das. Wir suchten Überweisungen von vor zwei Jahren heraus, schrieben Seiten um Seiten an Erklärungen. Und hofften, dass sie nicht nochmal professionell übersetzt werden sollten.

Mittwoch: Der Mittwoch verging, und es passierte: nichts. Unsere Maklerin schaffte es, die Deadline auf Freitag zu verschieben, wir hatten also zwei Tage Puffer. Die Verkäufer machten aber klar, dass sie nicht nochmal verlängern würden. Die Hausinspektion hatten wir schon mehrmals verschoben. Die hätten wir nämlich bezahlen müssen, und wenn wir sowieso keinen Kredit bekommen würden, müssten wir das Geld ja nicht ausgeben.

Und einen hübschen kleinen Garten gibt es auch.

Donnerstag: Es folgten: schlaflose Nächste (jedenfalls für C2). Es passierte: nichts. Nur dass Liz uns mitteilte, dass die Bank beim ersten Haus zu früh eine Zusage gemacht hatte, wie ihnen dann selbst klar wurde. Der ganze Aufwand samt Prüfung wäre noch auf uns zugekommen. Oh well. Der Donnerstag verstrich. Nichts. Es war inzwischen klar: Wenn uns die TD Bank jetzt keinen Kredit geben würde, würden wir die nächsten zwei Jahre keinen bekommen. Wir hätten zwei Optionen gehabt: A) eine Wohnung mieten. Nur gibt es hier sehr, sehr wenige Mietwohnungen, und die sind teurer als in München. B) zu einem private lender gehen und horrende Zinsen zahlen.

… ins Unermessliche

Donnerstagabend: Am Donnerstagabend teilte uns Liz mit, dass sie mit ihrem underwriter gesprochen habe. Der underwriter ist ihr Kontakt bei der TD Bank. Der wiederum hatte unsere Unterlagen an seinen Vorgesetzten weitergegeben, der an seinen. Alle fanden, wir hätten jetzt alles beisammen – aber weil wir so speziell seien, müsse unseren Fall der Vizepräsident der TD Bank entscheiden, in Toronto. Zur Einschätzung: Die TD Bank ist die zweitgrößte Bank in Kanada. Es war alles offen: Er konnte ja sagen, oder er konnte nein sagen. Niemand wusste, wie es ausgehen würde. Trotzdem mussten wir entscheiden, ob wir die Hausinspektion am Freitagnachmittag machen lassen wollten. Wenn wir das Haus haben wollten, blieb uns nichts anderes übrig, denn das gehörte zu den conditions. Zusammen mit Maklerin Shannon beschlossen wir also, es zu riskieren, ohne stehende Finanzierung dem Experten den Auftrag zu geben.

Freitag: Der Freitagmorgen verstrich. Nichts. Am Freitagmittag fiel uns ein, dass es eine Zeitverschiebung gibt zu Toronto, es dort also schon Nachmittag war. Aber: nichts. Liz war ratlos. Der underwriter auch. Es blieb nur: weiter abwarten. C2 war inzwischen davon überzeugt, dass alles gelaufen war, die Laune sank (noch mehr). Realistischerweise würden wir an dem Tag keine Antwort mehr bekommen, es sei schon viel zu spät. Sie schmiedete Plan B, C und D. C1 dagegen blieb optimistisch wie immer. Ihr Mantra: Geduld. Das wird schon. C2: Haha.

Uff

Um halb 2 machten wir uns auf den Weg, um einen Mietwagen abzuholen. Wir mussten nach Sooke zur womöglich überflüssigen Hausinspektion.

Gerade als wir vom Fahrrad abstiegen, klingelte das Telefon. Es war sieben Minuten vor 2 – in Toronto sieben Minuten vor 5 Uhr nachmittags. Liz war dran. Und sie sagte: „CONGRATULATIONS, ladies!“

Uff.

Später fielen uns sowohl Liz als auch Maklerin Shannon um den Hals. Alle hatten mitgefiebert, inklusive der Mitarbeiter*innen bei der TD Bank, wie Liz erzählte. Alle wollten, dass es klappt.

Es war so knapp. Und welch Glück für uns, dass die Bank folgendes für uns getan hat, wie Liz es formulierte: „They bent their rules“.

Aber hey, es hat geklappt. Wir haben ein Haus! Es ist das, was wir uns ganz am Anfang angesehen hatten, und es ist in Sooke. Da, wo wir ursprünglich unbedingt hinwollten. Und dann doch nicht mehr. Und jetzt doch!

In vier Wochen wohnen wir in einem hübschen, charmanten Häuschen, groß genug für uns, nah am Meer und weit genug weg, mitten in der Natur. Und dann haben wir – hoffentlich – viel Zeit, uns von diesem Nervenkrimi zu erholen. Das Resume von Maklerin Shannon: „Everything fell into place, just like it should be.“

Sooke.