New Life

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24. August 2019 0 Von C2

Ein Anwalt im Hawaiihemd, eine Katze als Büroaufsicht, unechte Unterschriften, eine gratulierende Bankbeamtin mit Hang zum Smalltalk und ein Dorf in der Stadt: In dieser Woche haben wir die letzten Schritte unternommen, damit wir in knapp einer Woche in unser Häuschen in Sooke ziehen können. Was uns dabei so passiert ist und was uns erwartet, verraten wir Euch hier:

Barry, die Urne und die Druckerpapierkatze

Der wichtigste Termin der Woche war der bei Barry, einem Anwalt. Wir gingen rein, waren 20 Minuten drin, und anschließend besaßen wir ein Haus. Was dazwischen passierte: Wir übergaben ihm einen „bank draft“ mit der Anzahlung fürs Haus, er legte uns einen Stapel Dokumente vor und wir unterschrieben sie.

Wie die meisten Anwälte hatte Barry ein Hemd an. Allerdings ein farbenfrohes Hawaiihemd. Seinem Alter nach könnte er längst in Rente sein. Auch sonst war er für Überraschungen gut: Die vermeintliche Zuckerdose im Regal war wohl doch eher eine kleine Urne, immerhin stand „Rest in peace“ darauf. Er verriet zwar nicht, wer drin war. Genauso trocken wie die Asche in der Urne war sein Humor: Der Anwalt kommentierte alle Dokumente und Vorgänge mit einem skurrilen Spruch. Barry ist zwar der Boss, aber den Überblick im Büro behält jemand anders – eine stoische, ältere Katze. Sie begutachtete die Lage zuerst von einem Besucherstuhl aus und thronte anschließend auf einem Stapel Druckerpapier.

Barrys Bürokatze.
Finde die Urne.

Keine Originalunterschriften für echte Dokumente

Bei Barry mussten wir ausnahmsweise mal persönlich erscheinen, um unsere „John Henrys“ zu leisten, wie er sagte (das Äquivalent zum deutschen „Otto“). Sonstige Unterschriften für Bank, für Maklerin oder Versicherungen konnten wir meistens digital erledigen – per Docusign. Wir bekamen dann jede einzeln eine Mail mit einem Link, es öffnete sich ein Dokument im Browser.

Per Mausklick springt man automatisch an verschiedene Stellen. Dort erscheinen entweder die eigenen Initialen, die eine Aussage bestätigen, quasi ein „OK“. Oder es wird eine Signatur eingesetzt – merkwürdigerweise jeweils mit unseren eigenen Namen, aber keineswegs mit unseren tatsächlichen Unterschriften. Zack, erledigt. Sobald alle Beteiligten ihre „John Henrys“ abgegeben haben, kommt eine E-Mail mit dem kompletten Dokument und allen Unterschriften.

Dokumente zum Unterschreiben kommen per E-Mail.

Überweisung per E-Mail und mit Quiz

Ebenso unkompliziert wie das Unterschreiben ist hier auch das Überweisen von Geld. Das geht so: E-Mail-Adresse des/der Empfänger*in erfragen und eintragen, Summe angeben. IBAN, BIC und TAN sind nicht nötig. Und wie steht es mit der Sicherheit?

Ganz einfach: Der/die Absender*in denkt sich selbst eine Sicherheitsfrage und eine dazu passende Antwort aus. Der/die Adressat*in bekommt eine E-Mail, kann hoffentlich die Frage beantworten und holt das Geld damit auf sein/ihr Konto. C1 und ich machen mittlerweile unser Privat-Quiz daraus. Wenn wir uns gegenseitig Geld überweisen müssen, denken wir uns herausfordernde Fragen aus. Ergebnis: Nach mehreren Fehlversuchen und ein paar Tipps haben wir das Geld endlich auf dem Konto.

Überweisung mit Quiz.

Bank draft mit Smalltalk

Um eine große Summe wie für die Hausanzahlung von A nach B zu transferieren, eignet sich eine Überweisung nicht. Für Barry brauchten wir einen „bank draft“, und dafür mussten wir persönlich zur Bankfiliale gehen. Auch das ist einfach: Ausweis und Bankkarte zeigen und sagen, wer wie viel bekommen soll. Das steht dann auf einer Art Scheck.

Die Angestellte hinter dem Schalter hatte selbstverständlich Zeit für Small Talk, wie fast alle hier. Ob wir wohl ein Haus gekauft hätten, weil wir so viel Geld brauchten? „Oh, cool, congratulations!“ Sie wollte wissen, wo es steht und erzählte uns alles möglich rund um ihren eigenen Wohnungskauf.

Zwischendrin war sie allerdings abgelenkt von der Handtasche der Kundin am Nachbarschalter. Mit dieser hielt sie ein Schwätzchen über die schöne Farbe der Tasche. Von da kam sie irgendwie auf ein Geschenk ihrer Tochter, was sie wiederum uns erzählte. Diese hatte gerade ein Weingut besichtigt, ihrer Mutter aber nur eine leere Tüte mitgebracht und keine Flasche Wein. Sie fand das lustig und meinte: „Immerhin hat sie überhaupt an mich gedacht.“ Haben wir schon mal erwähnt, dass die Leute hier meist tiefenentspannt sind und entschleunigt vorgehen? Das kommt uns sehr entgegen – und ist ziemlich ansteckend.

Auf dem Weg zum „bank draft“.

Umzug in ein Dorf in der Stadt

Bei der Bank gibt’s auch eine „pre-authorized payment form“, das entspricht der deutschen Einzugsermächtigung. Auf dem Weg zahlen wir künftig unsere „strata fees“. Das ist ein geringer monatlicher Betrag, der fällig wird, weil wir in einer „Strata“-Gemeinschaft leben werden. Das ist nicht etwa eine Sekte, sondern eine in B.C. sehr verbreitete Art des Wohnens.

Unser Haus und Garten gehören uns beiden. Sie befinden sich an einer Straße mit 26 Grundstücken und Häusern: Das ist die Strata-Gemeinschaft. Sie ist verantwortlich für die Straße, die Bürgersteige und die öffentlichen Grünflächen in dem Areal, nicht etwa die Stadt Sooke. Sprich: Wenn dort Reparaturen oder Modernisierungen anstehen, übernimmt die Strata-Gemeinschaft das selbst, und zwar aus einem gemeinsamen Pott. In den zahlen wir alle unsere strata fees ein. Was damit passiert, bestimmt das „strata council“, dem wir alle angehören und das sich ein- oder zweimal pro Jahr trifft. Wir sind also ein eigenständiges Mini-Dorf in der Stadt.

In der Strata-Gemeinschaft gibt’s Regeln.

Es gibt sogar eigene Strata-Regeln – zum Beispiel darf in unserer Einfahrt nicht länger als zwei Tage ein Wohnwagen stehen und der Gartenschuppen muss zur Hausfarbe passen. Wir dürfen auch nur einen Hund oder eine Katze haben. Was uns übrigens fast davon abgehalten hätte, das Haus zu kaufen. Allerdings sind wir hier in B.C. und auf der Insel, und so ganz genau scheint das dann doch niemand zu nehmen, wie wir gehört haben – würde ja auch nicht zum sonstigen Laid-Back-Dasein hier passen.

Für diesen way of life ist Sooke offenbar besonders bekannt. Wir sind gespannt – auch darauf, ob es stimmt, was uns die Leute noch so sagen, wenn wir erzählen, dass wir dorthin ziehen. Denn alle haben nur Gutes zu berichten. Die Gegend sei nicht nur „beautiful“ und „amazing“, sondern sogar „magical“. Wir lassen uns gern verzaubern!